Elfenzauber

Es war früh am Abend und die warme Frühlingssonne ließ auch jetzt noch die Wipfel der Bäume in goldenem Licht erstrahlen. Ein kleiner Bach bahnte sich seinen Weg durch die Wiesen und Wälder im Tal bis er schließlich immer breiter wurde und zuletzt in einen großen, tiefblauen See überging. Dort, am Ufer des Sees, war im Laufe der Jahrhunderte aus nur wenigen Bauernhöfen ein kleines Dorf entstanden. Wilde Blumen und Ranken ließen die hölzernen Häuser und strohgedeckten Dächer in bunten Farben leuchten und das Dorf zu einem Teil der Natur werden. Gerade hatten sich auf dem kleinen Platz in der Mitte des Dorfes alle Kinder, klein und groß, und sogar einige Erwachsene eingefunden. Sie wollten der Geschichte lauschen, die der alte Geschichtenerzähler ihnen für heute versprochen hatte. Ihre aufgeregten Stimmen waren im ganzen Dorf zu hören. Als der Geschichtenerzähler endlich aus seinem Haus am Rande des Dorfes geschlurft kam, liefen ihm die Kinder bereits entgegen und bestürmten ihn mit Fragen. Leise brummend bahnte er sich einen Weg durch seine ungeduldigen Zuhörer und setzte sich schließlich ohne große Eile auf den alten Hocker, der in der Mitte des kleinen Platzes für ihn bereitgestellt war. Wortlos holte der Geschichtenerzähler seine Pfeife aus der Tasche. Erst nachdem er sie sich gestopft und angezündet hatte, räusperte er sich kurz und wartete, bis es ganz still war auf dem Platz. Nur das Rauschen des Baches war noch zu Hören, als alle Versammelten den Geschichtenerzähler erwartungsvoll ansahen. Dann begann er.

„Es war einmal vor langer Zeit als nicht weit von hier auf einem alten Bauernhof ein Junge lebte. Sein Name war Fynn. Er war gerade siebzehn Jahre alt geworden und sollte bald den Hof seines Großvaters übernehmen. Ich werde euch heute seine Geschichte erzählen. Zu dieser Zeit nämlich, in einer klaren Vollmondnacht, sollte sich Fynns Schicksal in eine andere Richtung wenden, die sein Leben von diesem Moment an bestimmen sollte. In dieser Nacht regte sich kein Wind und eine bleierne Stille lag über dem Wald hinter dem alten Bauernhaus. Fynn war bereits mit einem Gefühl von Unsicherheit und einer unheimlichen Vorahnung zu Bett gegangen und hatte erst nach langen Stunden in einen leichten, unruhigen Schlaf gefunden. Ihr müsst wissen, Fynn glaubte nicht an Märchen und auch nicht an Elfen oder Zwerge. Doch als er am nächsten Morgen aufwachte und noch verschlafen nach seiner Decke greifen wollte, war er nicht mehr in seinem Zimmer und auch nicht mehr in seiner Welt. Um sich herum spürte er nichts als feuchtes, weiches Moos. Als er sich umdrehte. hätte er beinahe laut aufgeschrien. Keinen Fingerbreit von seiner Nasenspitze entfernt sah das Gesicht eines weißen Hermelins vor sich schweben. Fynn wollte aufspringen, doch er konnte sich nicht von der Stelle rühren. Der Hermelin schien ihn aus bernsteingelben Augen lange zu mustern, bis er sich schließlich umdrehte und schon im selben Augenblick in einem dichten Gestrüpp verschwunden war. Er würde es niemals zugeben, doch in diesem Moment hatte Fynn panische Angst. Immer wieder schaute er von einer Seite zur anderen und suchte nach den vertrauten Wänden seines Zimmers, nach seinem alten Holzbett und dem wackeligen Regal, das ihm sein Großvater letzten Herbst gebaut hatte. Doch um ihn herum war nichts als Wald. Er sah Bäume aller Art und Blumen, deren Namen er nicht kannte. Alles schien friedlich und trotzdem konnte Fynn sein Unbehagen nicht abschütteln.
„He!“, rief es laut. Fynn zuckte zusammen. Weit und breit war niemand zu sehen. „Wer ist da?“, fragte er vorsichtig und ließ seinen Blick suchend umherschweifen. „He!“ kam es erneut, diesmal lauter, und Fynn spürte einen Schlag auf die Brust. Ungläubig starrte er den Hermelin an, der unbemerkt zurückgekehrt war. „Merlin mein Name. Du bist reichlich spät dran. Komm, folge mir.“ Ihr könnt es euch vorstellen, Fynn hatte es vor lauter Erstaunen die Sprache verschlagen. Ungläubig blieb er auf dem Boden liegen und starrte auf die Stelle, an der der kleine, weiße Pelz schon wieder zwischen den Bäumen verschwunden war. Er schüttelte sich und überlegte, in welcher Richtung wohl der Hof seines Großvaters lag. Da kam der Hermelin aber schon zurück und packte Fynn mit den Zähnen am Ärmel seines Hemdes. Fynn richtete sich taumelnd auf und lief dem seltsamen Tier, nachdem es ihn noch einmal ungeduldig angeschnautzt hatte, stolpernd hinterher. Fynn verstand seine Welt nicht mehr, doch während er dem Hermelin immer weiter in den Wald folgte, konnte Fynn nur staunen über die Vielfalt an Pflanzen und Tieren, die ihm auf dem Weg begegneten. Hunderte schillernder Schmetterlinge umschwärmten sein Gesicht, der Duft tausender Blüten benebelte seine Sinne und mit der Zeit breitete sich ein Gefühl wohliger Wärme in seinem Körper aus. Nach einer Weile führte der Hermelin Fynn auf eine Lichtung, in deren sonnendurchfluteter Mitte ein aus Gold gewebter Thron stand. Fynn musste seine Augen abschirmen um in dem gleißenden Licht etwas erkennen zu können. Als er sich an die Helligkeit gewöhnt hatte, konnte er den Blick nicht mehr abwenden von der zierlichen Gestalt, die in fließende Gewänder gehüllt und mit der stolzen Haltung einer Königin auf dem Thron saß. Fynn hielt den Atem an, als sie sich anmutig in seine Richtung drehte und ihn mit weisen, von Trauer erfüllten Augen ansah. Ehrfürchtig kniete er vor ihr nieder.“

An dieser Stelle nun hielt der Geschichtenerzähler inne und ließ seinen Blick über die unzähligen Gesichter seiner Zuhörer schweifen. Gebannt starrten sie ihn lange an, in der Erwartung, er würde gleich weitersprechen. Schließlich rief ein kleiner Junge aus der ersten Reihe in die Stille hinein: „Weiter! Bitte, erzähl doch weiter.“ Der Geschichtenerzähler lächelte, doch dann schüttelte er den Kopf. „Es ist spät und Zeit für euch, schlafen zu gehen. Morgen erzähle ich weiter.“ Langsam stand er auf und schlurfte an den immer noch still sitzenden Kindern vorbei. Als er zurück in seiner kleinen Hütte war, setzte sich der Geschichtenerzähler mit müden Knochen auf sein knarzendes Bett. Kurz darauf hörte er ein leises Klopfen am Fenster. Als er es öffnete, kam ein kleiner, weißer Hermelin hereingeschlüpft. „Guten Abend, Merlin“, brummte der Geschichtenerzähler. Der Hermelin sprang flink auf das Bett und sah den alten Mann aus bernsteingelben Augen aufmerksam an.




19.3.09 19:17
 


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