Der Rabe

Es war dunkel. Tief im Wald, allein und fröstelnd im Nebel, stand Jakob zwischen hohen, knorrigen Eichen. Er lauschte in den Wind, doch alles, was er hören konnte war das Rauschen der Blätter und das leise Plätschern eines Baches, versteckt in der Dunkelheit der Bäume. Jakob lief ein paar Schritte vorwärts, vorsichtig, um nicht über eine Wurzel oder einen der großen, moosbewachsenen Steine zu stolpern. Von Zeit zu Zeit konnte er den vollen Mond durch das dichte Blätterdach der Bäume scheinen sehen. Jakob kam bald an den Rand einer kleinen Lichtung. Er wollte gerade aus dem Schatten des Waldes treten, als er hinter sich einen lauten, durchdringenden Schrei hörte. Entsetzt wirbelte er herum. Zwar konnte er in der Dunkelheit kaum etwas erkennen, doch hatte er plötzlich das Gefühl, beobachtet zu werden. Ein Schauer lief ihm über den Rücken. Langsam und so leise wie möglich versuchte Jakob unbemerkt weiterzugehen, als der Schrei ein weiteres Mal ertönte, jedoch lauter und noch angsteinflößender als zuvor. Ein Stück abseits neben sich entdeckte Jakob den schwarzen Vogel, der groß und bedrohlich auf einem Ast thronte. Jakob wollte weglaufen, doch die leuchtend roten Augen des Vogels ließen ihn erstarren noch bevor er einen Schritt tun konnte. Nicht einmal zu schreien schaffte er als das Tier sich geschmeidig erhob und lautlos, mit gewaltigen, schwarz schimmernden Flügeln auf ihn zugestürzt kam. Jakob glaubte, vor Angst zerspringen zu müssen. Gleichzeitig war er jedoch fasziniert von dem anmutigen, dunklen Vogel, der jetzt schon so nahe war, dass Jakob die einzelnen Federn erkennen konnte, die die glühenden Augen umrahmten. Selbst als der Vogel seine scharfen Krallen in Jakobs Brust schlug, reagierte er nicht. Er spürte nicht das warme Blut auf seiner Haut, sah nicht wie sich die Fetzen seines Hemds langsam rot färbten. Erst als der Vogel anfing auf Jakobs Gesicht einzuhacken, löste sich der Bann. Plötzlich fing Jakob an zu schreien. Er schrie so laut, dass man es im ganzen Wald und noch weit bis in die umliegenden Dörfer hören konnte. Menschen kamen aus ihren Häusern gelaufen und lauschten den gellenden Schreien, die noch viele Stunden lang durch das Tal hallten. Erst als die ersten Sonnenstrahlen hinter den Bergen hervorbrachen, trat eine erdrückende Stille ein. Auf der Bank vor seinem Haus saß ein alter, gebückter Mann und schaute traurig in Richtung des Waldes. Der Rabe war wieder da, und der Mann wusste, dass Jakob nicht der einzige bleiben würde.
18.12.08 16:07
 


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